"Strange highs and strange lows..." - Erkenntnisse zum Jubiläum von Depeche Mode's Remixalbum Nr.2
Am 3. Juni des Jahres 2011 erschien die zweite üppige Kollektion von Depeche Modes legendären Remixen als volumige und gleichzeitig kompakte Neuverwertung.
Begleitet von einer überraschenden Single, ließ man sich sieben Jahre Zeit, um nach dem ersten allumfassenden Remixalbum den gesamten Nachlass noch einmal nach akustischen Aufhübschungen der Originalsongs zu durchforsten, das Ganze zu sortieren, neu zu bewerten und ein weiteres Mal mit ein paar brandneuen Mixen anzureichern. Eine Fortsetzung dessen, was auf "Remixes 81-04" begann, und was Depeche Mode berühmt gemacht hat - ihre tanzbaren Tanzbodenkracher in XXL für den heimischen Dancefloor.
Mit dem Erscheinen von Remix-Album Nummer Eins im Jahr 2004, wurde uns Fans und wohl auch der Band selbst erst so richtig bewusst, welch riesengroßes Vermächtnis die Herren über die Jahre in den einschlägigen Diskotheken hinterlassen haben. Am Anfang begeisterten die Jungs vorwiegend mit gestretchten Originalen, mit fortschreitender Zeit und wachsendem Erfolg mehr und mehr mit offeneren Arrangements, gefolgt von der schrittweisen Einbeziehung junger Künstler, gekrönt von teilweise kompletter Verhackstückung.
Mit dieser Entwicklung einher, ging auch stets eine Modernisierung des Sounds. Einer der Schlüssel ihres andauernden Erfolgs. Dieser Move gefiel bei weitem nicht jedem, er passierte langsam und kontinuierlich und erschloss ihnen stets neue Fans und Käuferschichten, zeigte die Band immer in einem modernen Licht, und ließ sie somit akustisch kaum altern.
Kleine Gedächtnisstütze - so klang "Remixes 81-04"
Jetzt lag eine neue Kompilation vor, die viel versammelte, was "Remixes 81-04" auslassen musste, dazu etliche Überarbeitungen neuerem Datums und der geneigte Alleskollektor musste jetzt nicht mehr extra loslaufen, um sich die ganzen Maxis, Promos und Downloads einzeln zu besorgen. Oder etwa doch?
Vorab überraschten sie uns mit dem ungewöhnlichen Remix von "Personal Jesus 2011“ des norwegischen Produzententeams Stargate, der nahezu alles, was das Original so prägnant machte, weglässt und durch elektronische Soundspielereien ersetzt. Kein Bluesriff, keine Suitcase-Stomper, nicht mal ein Dingdong. Man dufte gespannt sein, was einem gut drei Wochen später auf dem großen Rundling entgegen schallen würde.
Dazu gab es hübsches lila Vinyl und ein mystisches Mittelaltervideo, bei dem wir einer sogenannten "Hexenprobe" beiwohnen. Einst ein archaischer Brauch, um Frauen ihrer vermeintlichen "Teufelsbuhlschaft" zu überführen. Funktionierte halt nur nicht immer 100% zuverlässig!
Mit der Katalognummer "MUTEL18" stellt die zweite Remixsammlung eine der letzten Veröffentlichung der Band bei "Mute Records" dar und damit auch das Ende von Depeche Modes Platten mit der alten Mutel-Stumm-Bong-Nummerierung.
Bei der Kampagne zu "Remixes 2: 81-11" verzichtete man gleich von Beginn an auf verkaufsfördernde Aufkleber und Hinweise auf exklusive Downloadtracks. Im Jahre 2011 war das musikalische Internetgeschäft bereits so weit fortgeschritten, dass nahezu jeder drittklassige Downloadshop gleich seine gänzlich eigenen Tracks bekam.
Betrachtet man die rein haptischen Formate, bleibt weiterhin alles hübsch übersichtlich. Unser Werk erschien wie gewohnt als Einzel- und Dreifach-CD und in einer üppigen, äusserst ansehnlichen und hundeschweren 6-LP-Box. Mit dem unaufhaltsamen Aufstreben von Downloadplattformen, wurde es jedoch auch an digitalster Front auf unterschiedlichsten Portalen angeboten und dabei leider ein ordentliches Durcheinander angerichtet.
Wir versuchen für euch, das digitale Variantenknäuel mal etwas aufzudröseln, aber wer von sich behauptet, wirklich alles "Offizielle" von Depeche Mode zu besitzen, könnte heute hier und da schon mal ins Grübeln kommen.
Besonders hellhörig wurden die Fans bei der Ankündigung von neuen Arrangements alter Depeche Mode Schinken durch die ehemaligen Bandmitglieder Vince Clarke und Alan Wilder, und man war gespannt, welche Songs ihnen wohl zum Opfer fallen würden. Ex-Member und Bandintimus Vince Clarke versuchte sich frech an der monolithischen Bandhymne „Behind The Wheel“ Diese wirklich gelungene Version schmissen sie flugs vorab auf den lukrativen US-Markt, und mit ihrer Exklusivität wurde sie mittlerweile zu einer nahezu unbezahlbaren Promo.
Der auf dieser Promo enthaltene Mix erscheint übrigens noch diesen Monat auf der Compilation "Remix/Remodel - The Vince Clarke Remixes", auf der er sich noch ganz anderen Kalibern widmet, und dabei unter anderem die Happy Mondays, Saint Etienne, OMD oder Franz Ferdinand akustisch neu verwurschtelt. Mit seinem Spätwerk "Aftermath" von seiner gemeinsamen Platte mit Martin a.k.a. "VCMG", remixed er sich darauf gleich noch höchstselbst.
Einige weitere rare und unveröffentlichte Versionen geliebter Depeche Mode Songs, fanden einst den Weg auf eine weitere exklusive Promo mit der vielsagenden Katalognummer "Mute L 18". Hier ist die Schreibweise wichtig, also nicht verwechseln!
Bei der damals über den Anbieter Beatport erhältlichen Downloadversion des Albums, wurden gleich ganze zehn der "haptischen" Albumtracks durch Instrumental- oder Dub-Versionen ersetzt. Um das alles überhaupt noch unterscheiden zu können, bekam der Digitalrelease auch ein leicht abgewandeltes Cover. Leider ist diese spezielle Version bei Beatport nicht mehr erhältlich und man muss sich die Tracks einzeln im Internet zusammensuchen.
Auch stilistisch begegnen und bei dieser Scheibe, digital oder physisch, wieder die verschiedensten Genres. Egal ob Techno, Soul, Blues oder Rockeinflüsse, hier ist alles vorhanden, was den Herren Mode einst zum Gefallen gereichte. Von Clubgewummer über düstere und fanohrenschmeichelnde EBM-Sounds, bis hin zu minimalistischstem Elektro wird alles aufgefahren, was Spannung verspricht und einem gewissen bandeigenen Anspruch genügt.
Es ist ein weiterer Beweis, wie sich Musik entwickeln kann und wie Depeche Mode sich entwickelten. Ihre zeitlosen Songs funktionieren erneut prächtig in ihrem neuartig-fremdartigen Gewand. Sie sind zeitlos, epochal und nahezu unkaputtbar.
Genau mit dieser Art, Musik zu machen, waren sie Vorreiter einer ganzen Reihe an jungen, aufstrebenden Elektrojüngern. Sie legten in den 80ern den Grundstein für House und Techno, so dass sich ab den Nullerjahren bereits etliche Künstler auf sie als Quell der Inspiration beriefen. Mittlerweile reißen sich Musikschaffende darum, einen Remix für Depeche Mode anfertigen zu dürfen. Kein semiprofessionelles Heimgeklimper und Gestückel wie man es jeden Tag bei Facebook findet, oder sich an frühere Sounds anbiedernde Klangmachenschaften, wie die ganzen Retronerds und #alanzurückwünscher auf YouTube. Man beschreitet den Weg nach vorn, und das gilt auch hier wieder beinahe für die gesamte Kollektion.
Aus den unterschiedlichen Interpretationen entstehen nahezu vollkommen neue Songs, ohne den so typischen Charakter eines Depeche Mode Songs einzubüßen. Im dichten Soundgewitter einer 6-fach-Vinylbox wirken sie umso komplexer. Konzeptionell wurde dieses Sammlung jedoch zu Hochzeiten der CD montiert, deshalb betrachten wir heute die 3-CD-Version und werden versuchen, auf die digitalen Abweichungen einzeln einzugehen, soweit wir können. Aber auch für uns war es eine herausfordernde Übung...
CD 1
Gleich am Anfang lauert ein richtiger Burner. Wir starten mit dem "Bushwacka Tough Guy Mix" von "Dream On", also exklusive Promoware. Es sei denn, man holte sich damals die reguläre US-Maxi ins Haus. Bushwacka, bürgerlich Matthew Benjamin, präsentiert uns hier einen heftigen Beat, der trotz allem Gewummer immer noch gechillt rüber kommt. Man wartet ständig auf Martins nette akustisch Gezupfte, nur kommt sie nicht. Digital gab es hier gleich die erste Abweichung, Beatport hatte den "Bushwacka Tough Guy Dub" als Opener.
Auf dem wilden Ritt durch 30 Jahre Bandgeschichte, begegnet uns als zweites Stück die erste von Dave geschriebene Single der Band, "Suffer Well". Daran durften sich ein paar elektrofunkige Franzosen von der Cote d'Azur versuchen, die bereits auch bei anderen Depeche-Songs Hand anlegten. Der "M83 Remix" beginnt mit einem "Shake The Disease"-ähnlichen "Uhuhuhu" und weist auch weitere Parallelen dazu auf. M83 packen noch rotzfrech die eigene Stimme dazu, und übernehmen teilweise gar den Gesang. Wir bekommen so einen komplett neuen Song. Die Digitalhörer kamen leider nicht in diesen Genuss, denn dort gab es nur das "M83 Instrumental". Den "Remix" hörten wir aber bereits auf dem L12Bong37.
Die britische Band "UNKLE", die sich gerne mit so illustren Gastmusikern schmückt, wie Thom Yorke oder Liam Gallagher, schickt uns hernach mit der "UNKLE Reconstruction" von "John The Revelator" auf eine holprige Dubstep-Reise. Unter die trockene, isolierte Stimme von Dave stapeln sie Sound um Sound, um am Ende auf ungewohnten Junglebeats zu enden. Digital bekam man dann den "UNKLE Dub", der man einst nur auf der 7"-Picture-Disc hören konnte, sofern man sich damals traute, das Ding überhaupt zu öffnen.
Der deutsche Produzent Alexander Krüger aka "Tigerskin" bedient sich bei seinem Remix für die Hymne "In Chains" ebenfalls weiter bei Jungle und, Überraschung, bei "People Are People". Obwohl Daves wundervoller Gesang über allem thront, fühlt man sich mit dem flotten Tanzbeat etwas an "Shout" erinnert. Sowohl den "Tigerskin's No Sleep Remix Edit" von der CD, als auch den "Tigerskin's No Sleep Alternative Mix" von Beatport, erhielt man nur mit dieser Veröffentlichung.
Die Cinematic-Folker von "Six Toes" konnten unseren Dave bereits höchstpersönlich als Gastsänger für ihren Song "Low Guns" gewinnen. Die gegenseitige Wertschätzung erklomm die nächste Stufe mit der etwas ruhigeren Tanzpause des Überhits "Peace" im "Six Toes Remix". Eine akustische Gitarre zupft den Beat, und macht aus dem Gospelburner eine unerwartete Akustikversion. Streichinstrumente gleiten durch den Song, der seinen sonst so monolithischen Auftritt dadurch komplett verändert. Der Gospel wird beinahe zu Klezmer, endet aber mit Bomberdröhnen. Ein Song, eine Botschaft! Zu hören war er bereits auf der Maxi-CD von 2009.
Mit Titel Sechs ziehen wir das Tempo wieder ordentlich an. Hardfloortechno zwingt uns erneut auf die Tanzfläche. "Lilian" ist ja schon vor Haus aus ein flottes Liedchen, hier harmoniert es ausgezeichnet mit dem technisch heruntergekühlten Gesang. Der deutlich eingekürzte "Chab Vocal Remix Edit" des französischen DJ's ist wieder exklusiv dieser Kollektion vorbehalten. Die extralange, uneditierte Version von Chab findet ihr auf der L-Maxi von 2006.
Ebenfalls 2006 erschien dieser Verhackstücker hier. Auf der limitierten Maxi zum Retro-Evergreen "Martyr" finden wir den "Digitalism Remix" von "Never Let Me Down Again". So bleiben wir gleich auf dem Hardfloor, denn dieser akustische Ausreißer hackt sich mit sangesfremden Vocoderverzerrungen durch den Gehörgang, und man fühlt sich stellenweise an ein surreales, frühes Computerspiel erinnert.
"Efdemin" ist das Künstler-Alter-Ego des Kasselers Phillip Sollmann. In Berlin als Resident-DJ aktiv, schickt er uns trommeltechnisch weiter auf den afrikanischen Kontinent. Das majestätische "Currupt" funktioniert hier im Zusammenspiel mit Daves Gesang einwandfrei und exklusiv dieser Compilation vorbehalten ist der gleichnamige "Efdemin Remix".
Diskogerecht aufgehübschtes "Everything Counts" kennen wir bereits von Ende der 80er Jahre. Auch dieser Mix erinnert uns in geweisser Weise daran. Hier gelang es gar, die unverwechselbare Fanfare zu erhalten. Die Namensgebenden des "Oliver Huntemann & Stephan Bodzin Dub" arbeiteten bereits hin und wieder gemeinsam. Es gelingt ihnen, "Everything Counts" den Charakter einer Dubversion zu geben, der stellenweise an "Flat Beat" von Mr. Oizo gemahnt. Ursprünglich ist er neben eben gehörtem "Digitalism Remix" auch auf der "Martyr" L-Maxi zu finden.
Glücklich waren die, die bereits 1990 einen CD-Player hatten, denn "Happiest Girl" im "The Pulsating Orbital Vocal Mix" erschien bis heute nur auf der limitierten CD-Maxi eines "World In My Eyes". Auf allen anderen Formaten war nur der "Pulsating Orbital Mix" ohne Vokalanteil zu finden. Der Vocal-Mix ist damit eine echte Rarität und trotzdem der bisher bekannteste Mix auf dieser Platte.
Ebenfalls sehr bekannt ist der "Anadamidic Mix" von "Walking In My Shoes". Der stammt von der sehr anbientigen 1993er L-Maxi und damit aus einer Zeit, als man Maxis noch tatsächlich anhörte, sie aber langsam anfingen, etwas zu nerven. Zusammengewerkelt von Spirit Feel (Greame Walker und Paul Valentine), getragen von einer tribeähnlichen Stammestrommel, gekrönt von Martins geschreddertem Gitarrenspiel.
Wir beenden die erste CD mit der Vorabsingle. Das norwegische DJ-Team "Stargate" wagt sich an eine Variation zum Allzeitcrowdpleaer "Personal Jesus", und lässt dabei keinen Stein auf dem anderen. Der aus dem Video bekannte "Stargate Mix" erhielt ein zeitgemäßes Dancefloorgewand, sämtlichen Blues und Riffs wurde abgeschworen, und genau deswegen wurde das Ding für die Band nach Jahren wieder interessant.
Endgültiger Rausschmeißer ist dann das transzendentale Instrumental "Slowblow", das uns im "Darren Price Mix" schon vom fünfzölligen Rundling zu "It's No Good" bekannt war.
CD 2
Disc Two kommt deutlich entschleunigter daher, als Teil eins. Als erstes erwartet uns der "Trentemøller Club Remix" von "Wrong". Das bereits auf der klasschen Maxi zu hörende Stück erscheint wieder in völlig verändertem Gewand. Der charakteristische Chant wurde eingebettet in einen funkiges Diskomantel, der genauso an Indierock gemahnt, zum Ende hin aber in eine Art elektronischem Rockabilly kolportiert. Bei Beatport gab es hier den "Trentemøller Club Remix Dub".
Mit einem Dub geht es gleich als nächstes weiter, und zwar mit dem beliebten "Dub In My Eyes" von der 1990er L-Maxi. Hier hat Steve Lyon höchst selbst Hand angelegt und präsentiert uns "World In My Eyes" im kühlen Kraftwerkgewand, mit Taschenrechner in der Hand.
Mit dem "Peter Björn & John Remix" machen wir denselben Zeitsprung von eben gleich wieder zurück und landen bei einem von schwedischen Marimbaklängen, skandinavisch schnipsenden Kastagnettenbeat und beatlesker Zweitstimme unterlegten "Fragile Tension". Der sonst eher dröge Song gewinnt dadurch enorm. "We don't care about the young folks"? Anscheinend doch!
Den frühen Housefloor entern wir wieder mit unserem Prager Burgerbraterfreund Tim Simenon und seinem "Tim Simenon/Mark Saunders Remix", auch bekannt als "Highjack Mix" unseres Lieblingsüberhits "Strangelove": Einst war er zu hören auf der nachgeschobenen 1988er US-Maxi, in Europa dann erst auf der L-Maxi zu "Everything Counts Live". Damit war er einer der ersten Mixe, bei dem wir uns damit auseinandersetzen mussten, dass ein Remix auch mal völlig anders klingen darf. Nur echt mit der Polizeisirene und Martins seltenst gehörter Textzeile "it's important".
Als Blaupause für die späteren, oft geschmähten Liveversionen von "A Pain That I'm Used To" dienst der "Jacques Lu Cont Remix". Also der, mit dem klassichen Gap zwischen der ersten und zweiten Textzeile, durch den sich ein zwar zackiger, aber überraschungsarmer Beat zieht. Beatport kredenzte dazu den "Jacques Lu Cont Dub".
Rare B-Seiten-Ware erwartet uns als nächstes, denn der "Monolake Remix" von "The Darkest Star" thronte auf der meist ungeöffnet gebliebenen Picture-Single von "Suffer Well". Bei Monolake erhält das majestätische Lied einen verschleppten, metallenen Beat, dazu eingestreute, spacige Sprachsamples, und es erinnert entfernt an frühes angegruftetes EBM-Technozeugs
mit einem Hauch von Ambient.
Sehr ambientig geht es auch gleich weiter mit dem "Helmet At The Helm Mix" von "I Feel You". Ein Remix, der uns bereits damals auf der 1993er Maxi verstörte, bei dem man aber durchaus konstatieren muss, dass er seiner Zeit voraus war, erinnert er doch schon sehr an die spätere "Sounds Of The Universe"-Ära.
Wir bleiben gleich im Jahr 1993, bleiben auch beim Dub und widmen uns als nächstes der Kurzversion des von der "In Your Room"-Maxi bekannten "Adrenaline Mix" des Gassenhauers "Higher Love", dem hier Francois Kervorkian und Goh Hotoda einen eingekürzten und exklusiven "Adrenaline Mix Edit" zur Seite gestellt haben.
Ein ebenso bekannter Remixer hat den nächsten Song auf dem Gewissen. Im von Gareth Jones etwas spitzfindigen zusammengewerkelten Doppelpack zu "It's Called A Heart", begegnet uns auf der zweiten Rückseite der polternde "Death Mix" von "Fly on the Windscreen". Was haben wir das Ding geliebt! Plötzlich sieht man sich selbst wieder mit dem Kassettenrekorder auf der Schulter voll aufgedreht durch den Wiesengrund laufen.
Laut den Credits hören wir beim folgenden "United Mix" eine nicht näher bezeichnete Vanessa singen. Einst auf der L-Maxi von "Barrel Of A Gun" verortet, präsentieren uns hier Marc Waterman und Paul Freegard einen etwas spacigeren und ruhigeren Auftritt, als die beiden überschäumenden Underworld-Mixe von damals.
Sehr gechillt und eher als etwas für die spätabendliche Lounge, kommt der von Daniel Nakamura gebaute "Dan The Automator Mix" von "Only When I Lose Myself" auf uns zu. Mit einigen Sprachsamples und gepflegten Streichern hörten wir ihn bereits auf der damaligen L-Maxi.
Disc Zwei endet dann wieder mit einem superraren Special-B-Seiten-Mix, den es einst nur auf der Downloadversion der "Sounds Of The Universe" des Saturn-Marktes gab. Der "Le Weekend Remix" vom coolen "Ghost" beendet mit uns den zweiten durchtanzten Abend in der Disco. Der damals ebenfalls nur bei Saturn erhältliche "Electronic Periodic's Microdrum Mix" zu "The Sun And The Moon And The Stars" hat es bisher leider nicht auf eine Compilation geschafft.
CD 3
Diese verlangt uns wieder einiges ab und beginnt mit einem halb bekannten "Alex Metric Remix Edit" von "Personal Jesus", also die etwas veränderte Version dessen, was wir schon von der vorgeschobenen Maxi kannten. Ein spaciger Mix vermischt sich mit dem bekannten "Personal Jesus"-Beat, es wummert endloss Bass und es gibt auch eine lustige Fanfare.
Mit "Call On Me" hatte Eric Prydz 2004 einen Megahit-Ohrwurm. Mit seinem gleichnamigen Remix von "Never Let Me Down Again" versucht er sich am selbem Rezept im Stile seiner Swedish House Mafia. Mit einem sich dauerrepetitiv wiederholenden und damit etwas öde wirkenden "I'm", dem ersten Wort des Songtextes, möchte er mit seinem "Eric Prydz Remix" wohl in der klassichen Abba-Revival-70er Disko landen.
Dafür geht es aufregend weiter, denn dieser Remix von "Behind The Wheel" wurde mit allergrößter Spannung erwartet. Was würde der bekennende Analogfriemler und noch dazu ex-Bandmember Vince Clarke wohl aus dieser Hymne machen? Vince lässt sich nicht lumpen und ungarnt uns im "Vince Clarke Remix" mit einem darkbassigen Stampfer aus alten oszillatorischen Brummmaschinen. One Loop to rule them all!
Einst als der frühe, "dunklere" Song im Oeuvre unserer Jungs gefeiert, ist "Leave In Silence" mittlerweile zu einem anständigen Klassiker herangereift. Claro Intelecto, der eigentlich Mark Stewart heißt und nicht mit dem alten Mute-Records-Haudegen verwechselt werden sollte, haut uns mit seinem "Claro Intelecto 'The Last Time' Remix" einen chilligen, soulig-erotischen Ambientschleicher um die Ohren, der durch Daves jungendlich zartes Stimmchen quasi als Ballade durch Ziel geht. Beatport erhob hier den "Claro Intelecto 'Walk Away' Remix" zur ersten Wahl.
Am meisten angebetet, wird seither das folgende Rührstück. "In Chains" im lang erhofften, erwarteten, ersehnten und am meisten diskutierten "Alan Wilder Remix", wo man zumindest zur Person des Remixenden nicht mehr viel zu sagen braucht. Zum Mix selber dafür umso mehr. Unser "Filou in spe" kommt hier mit all den Zutaten in die Küche, mit denen er schon vor 20+x Jahren kochte. Er schichtet gewohnt seine Schichten aus Drones und Soundtrackstreichern zu einem Abklatsch der "Songs Of Faith And Devotion"-Ära. Er benutzt gar exakt denselben Bassbeat wie bei nahezu allen seinen Recoilsingles, baut dazu noch eine lustige Trompete ein und am Ende ein sich etwas überschlagendes Schlagzeug. Eben genau wie früher. Genau wie bei Recoil. Dieses akustische Ratatouille würde exakt so auf jeden anderen Depeche Mode Song passen. Unser "Tausendsassa" bleibt entweder bewusst Retro, weit hinter seinen Möglichkeiten, oder er wurde von uns wirklich jahrelang überschätzt.
Danach drehen die schwedischen Super-DJs Christian Karlsson und Pontus Winnberg eine der besten Depeche-Balladen durch den Fleischwolf. "When The Body Speaks" wird im "Karlsson & Winnberg Remix" mit Steeldrums aufgehübscht, um mit entspanntem Jamaicafeeling dem Dancefloor zu gefallen.
Einziger Song aus der Feder Vince Clarkes auf dieser Compilation, ist ein heute immer noch gern gehörter Klassiker aus der "Speak & Spell"-Ära. Die norwegischen Pilzraucher von "Röyksopp" machen aus "Puppets" einen richtigen Nullerjahrediskoklassiker. Eine wahnsinnig unschuldige Stimme eines knapp 18-jährigen Dave G. harmoniert ausgezeichnet mit dem sogenannten "Röyksopp Mix", auch wenn hier und da wohl ein wenig Autotune zum Einsatz kam.
Danach bleiben wir gleich in dieser Bandphase. Die eben gehörten Karlsson und Winnberg (auch bekannt als "Miike Snow"), machen aus "Tora! Tora! Tora!" einen bedrohlich pumpenden Stomper mit dem sperrigen Namen "Karlsson & Winnberg (von Miike Snow) Remix" und dem
unverkennbaren, sich überschlagenden Gesang. Man nimmt ordentlich Tempo raus
und plustert das Ding zu einem echten Technomonster auf.
Auch wenn wir jetzt zweimal kurz hintereinander Miike Snow gehört haben, stammt der "Clark Remix" unseres nächsten Songs leider nicht nochmal von Vince Clarke, sondern von Chris Clark, einem englischen DJ. Er macht aus dem "Ultra"-Rausschmeißer "Freestate" einen modern breakbeatenden Technosoul. Und obwohl der Song seiner ureigenen Schönheit ganz schön beraubt wird, kommt er doch enorm stimmig rüber. "Open your Mind, Freedom's a state!". Besonders die letzte Minute rockt voller Coolness.
Der Kölner Roland Michael Dill wagte sich an einen der schwächsten Songs, die Depeche Mode je veröffentlicht haben, lyrisch wie musikalisch. Die klassische Dave-Ware eines "I Want It All" wird im "Roland M. Dill Remix" mit einem schrägen, asiatisch-perkussiven Intro eingeläutet und mündet in einen pumpenden Bass. Daves Voice wird kurzerhand durchs Radio geschickt. Das klingt stimmig, wirkt aber am Ende etwas ideenlos. Was will man auch aus einer deratigen Vorlage machen? Beatport ließ Daves Gesang gleich völlig weg, hier hören wir das "Roland M. Dill Instrumental".
Joe "JoeBot" Harbinson dreht mit seinem "Joebot Presents 'Radio Face' Remix" den Rocksong der Black Celebration auf Links. "A Question Of Time" beginnt fast wie das Original, wird dann zum getriebenen Rock-Techno, um dann am Ende beinahe Scooter-artig abzuheben. Mit dem "Joebot Presents 'Radio Face' Instrumental" bekommen wir den Bumper bei Beatport gänzlich ohne Gesang.
Der englische Elektroguru Sie Medway-Smith hat mit den Herren Depeche Mode schon als Techniker für die "Sounds Of The Universe" zusammengearbeitet, davor unter anderem auf der "Home"-Maxi und bei der depechigen Coverversion von U2's "So Cruel". In einer vollkommen neuen Variante, mit verhackstückten Voicesamples und stampfendem Beat, legt er uns einen spacig-cineastischen Auftritt namens "Sie Medway-Smith Remix" von "Personal Jesus" vor, der einsam mit Streichern endet. Es war der insgesamt dritte Aufguss der Leadsingle zu "Remixes 2: 81-11" und bildet damit den Abschluss der haptischen Compilation. Beatport beendete die üppige Remixsammlung mit dem "Sie Medway-Smith Instrumental".
Digitale Extras
Da wir uns damals leider nicht allzuviel aus diesen Remixen gemacht haben, ist es mittlerweile recht schwierig, die fehlenden Tracks zusammenzubekommen. Die Tracklisten wurden mittlerweile an die haptischen Tonträger angepasst, oder die damaligen Stores existieren teilweise gar nicht mehr. Man muss heutzutage teils diverse Mitschnittsoftware bemühen, wenn man nicht über die damaligen Promo-CDs verfügt.
So beglückte uns damals der iTunes-Store zusätzlich mit dem "RSS Remix" von "Master And Servant" und einer weiteren Version von "In Chains". Alan Wilder werkelte hier zusammen mit Haujobb's Daniel Myer an einer "Myer vs. Wilder Deconstruction".
Bei Amazon gab es damals "Sister of Night" im "Ida Engberg's Giving Voice to the Flame Remix" und "Sweetest Perfection" im "Phil Kieran Vocal Mix" zum komplexen Remixalbum dazu. Beide gibt's zumindest immer noch als Extra bei Spotify.
Der britische Digitalshop von HMV legte seiner digitalen Luxusedition von "Remixes 2: 81-11" eine interessante Variante vom Fanliebling "The Sun And The Rainfall" bei. Das gute Stück nennt sich "Black Light Odyssey's Further Excerpts", und einen weiteren "Six Toes Remix" gab es zusätzlich vom coolen Loungerocker "The Sinner In Me".
Exklusiv der offizielle Promo-CD vorbehalten, blieben am Ende der "Roland M. Dill Dub" von "I Want It All", der "Ida Engberg's Walking Through The Light Dub" von "Sister Of Night", und der "Phil Kieran Dub Mix" von "Sweetest Perfection".
Wer
jetzt nicht mehr durchsieht, muss sich nicht ärgern. Wir tun es nämlich auch
nicht!
"Remixes 2: 81-11" ist nun bereits das zweite mal, dass uns die Jungs einen großen Teil ihres Vermächtnisses neu arrangiert und opulent verpackt um die Ohren hauen. Genau 30 Jahre nach dem ersten Ton erschien diese Werkschau und umfasst nicht nur im Titel die gesamte Bandgeschichte. Sie ist ein Abbild aller Phasen, Sounds und Komponisten der Band. Ein Art musikalische Chronik, die man auf Anhieb im Titel erkennen kann. Die Auswahl fiel etwas schwerer, da es bereits eine knapp 50 Remixe umfassende Sammlung gab. Trotzdem gelang wieder ein äusserst stimmiges und tanzbares, nahezu überraschendes Programm. Depeche Mode und ihre alten Schinken, verpackt in ein neues Gewand und von neuen Leuten neu zusammengebaut.
Die meisten der hier zu hörenden Remixer gehören einer jungen Generation an Musikern an, sie denken Musik völlig anders und übersetzen die älteren Songs in eine moderne, zeitgemäße Klangästhetik. So entsteht ein Dialog zwischen den Jahrzehnten, eine Brücke musikalischer Epochen.
Mit ein wenig Abstand wirken die meisten Remixe gar nicht mehr so schlimm. Zeit heilt alle Wunden, reißt aber auch neue auf, wie dieser unsagbar uninspirierte AW-Remix, der uns deutlich seine Limitiertheit, sein abgespultes Pflichtprogramm vor Augen führt.
Depeche Mode hängen jedoch nicht an ihren Stücken, sie lassen sie fachgerecht zersägen und neu zusammensetzen. Ihre Herangehensweise an ihre Musik ist höchst vulnerabel, und Martins Steckenpferd ist elektronische Musik in allen ihren vielfältigen Spielarten sowieso. Er hätte an dieser Compilation seine helle Freude...
Falls euch noch interessiert, was die Plattenfirma selbst zum Remixalbum Nummer 2 sagt, haben wir es für euch mal durch ein Übersetzungsprogramm gejagt. Aber danach gehts ruckzuck zurück auf den Dancefloor!
"Remixes2.
Manche Songs können einen an einen ganz besonderen Ort in Raum und Zeit versetzen. Das ist die Schönheit großartiger Musik. Wenn du Depeche Mode noch nicht kennst, kannst du hier einige der besten Alben dieser einzigartigen englischen Band erleben. Neu abgemischt und arrangiert von einigen der einflussreichsten und wegweisendsten Namen der Dance-Musik. Langjährige Fans wissen aber längst, dass die Band eine ganz besondere Magie verströmt. Neben der einzigartigen Chemie innerhalb der Gruppe ist ihre Fähigkeit, aus dem Klang von Synthesizern und Gitarren heraus Tiefe und Melodie zu erzeugen, seit fast dreißig Jahren unerreicht. Und das ist Fakt.
Von Tim Simenon und François Kevorkian bis zum Wiener Duo Kruder & Dorfmeister – Depeche Mode prägen die Remix-Kultur seit fast drei Jahrzehnten. Obwohl ihr Katalog voller Songs ist, die durch Remixe weltweit bekannt wurden (sogar frühe 80er-Jahre-Veröffentlichungen wie „Everything Counts (in Larger Amounts)" und „Master and Servant (Slavery Whip Mix)“ deuten auf den Umfang und Inhalt der neu bearbeiteten Musik hin, war es das Album „Music for the Masses“ von 1987, das die Band zusammen mit Dave Bascombe produzierte. Mit dem Aufstieg von Depeche Mode von Synthie-Pop-Konkurrenten zu globalen Superstars begann sich gleichzeitig die DJ-Kultur im Mainstream zu etablieren, und Songs wie „Behind the Wheel“ warteten nur darauf, den richtigen Mix zu bekommen – global gesehen war ihre Zeit gekommen.
Doch der Wandel hin zu düsteren Klangexperimenten und Entdeckungen wird nirgends deutlicher als auf dem 1997 erschienenen Album „Ultra“. Produziert von Tim Simenon von Bomb the Bass, ist es ein karges, aber künstlerisch beeindruckendes Werk und zählt zweifellos zu den besten der Band. „Ultra“ enthielt nicht nur einige von Dave Gahans besten Gesangsleistungen (es ist kein Wunder, dass von „It’s No Good“ genauso viele Bootleg-Remixe wie Originale kursieren), sondern auch Songs wie „Barrel of a Gun“ (remixed von Underworld, Plastik Man und United aka Marc Waterman & Paul Freegard), „It’s No Good“ (Hardfloor) und „Home“ (dessen „Around the Golf“-Remix von Air einen prägenden und künstlerisch erschütternden Moment für die Karrieren beider Bands darstellte) beweisen, dass sie Songs geschaffen haben, die ebenso karriereprägend sind wie alles, was ihre Vorgänger je hervorgebracht haben.
Für eine Band mit einem so umfangreichen und starken Katalog war es keine leichte Aufgabe zu entscheiden, welche Songs neu aufgelegt werden sollten und welche unberührt im Studio bleiben sollten. Einige, wie „Strangelove“, „Never Let Me Down Again“ und „Everything Counts“, sind so sehr Teil der Bandidentität, dass ihr Weglassen einen Online-Aufschrei ausgelöst hätte. Depeche Mode hatten es schon immer zur Aufgabe, zu begeistern und zu inspirieren – und genau das gelingt ihnen hier. Nicht nur sind seit den „Remixes 81-04“ mehr als fünf Jahre vergangen, es ist auch an der Zeit, den alten und neuen Katalog neu zu bewerten und ein Begleitstück zum Original zu veröffentlichen.
Natürlich ist es Daves trotzige Stimme, die das Herzstück so vieler Depeche-Mode-Songs bildet, und diese kühne Mischung aus eisiger Kraftwerk-Coolness und New Yorker Club-Hitze sprühte nie so kraftvoll wie auf ihrem Album „Violator“ von 1990. Produziert von Flood und gemischt vom legendären New Yorker DJ/Produzenten François Kervorkian, sorgte FK dafür, dass die Singles aus „Violator“ und insbesondere „World in Your Eyes“ und „Policy of Truth“ mit ihren Dub-Techno-Hooks tiefer denn je in die Ohren gingen. Zwanzig Jahre später sind die Ergebnisse immer noch wahrhaft transzendent. Ebenso prägnant und messerscharf ist der "Pulsating Orbital Vocal Mix von „Happiest Girl“, Dr. Alex Paterson von The Orb verlieh dem Gesang einen passend luftigen, elektronischen Glanz, und obwohl das darauffolgende Album – „Songs of Faith and Devation“ von 1993 – sich stärker dem Mainstream-Pop zuwandte als je zuvor, zeigte die Remix-Kunst, dass Depeche Mode nicht nur aufstrebende Künstler der elektronischen Musik inspirierten und zu Weltklasse-Arbeiten anzogen, sondern dass die Wahl der Remixer durch die Band dazu beitrug, eine neue Generation von Studio-Superstars hervorzubringen: „Walking in My Shoes“ beispielsweise, gemixt von William Orbit, Mark „Spike“ Stent und Johnny Dollar mit Portishead. Monate später kehrten die baldigen Bristol-Helden für „In Your Room“ zurück, ebenso wie François Kevorkian mit Goh Hotoda für einen House-Remix des Album-Abschlusses „Higher Love“. Sie experimentierten sogar mit Andrew Leatherall-artigem Subsonic-Techno auf dem Helmet-at-the-Helm-Remix der ersten Single des Albums, „I Feel You“, die einer Acid-Meisterleistung der 90er-Jahre entsprach – einer Art, die wir nie wieder sehen oder hören werden. Diese Düsternis sickerte auch in den Anandamidic-Mix von „Walking In My Shoes“ ein, der von den Klangexperimentatoren Spirit Feel stammt.
Die Band kehrte mit dem Singles-Album und der Tournee zurück, so clever wie eh und je. 1997 wurde „Painkiller“ von dem aufstrebenden DJ Shadow geremixt, doch erst 2001 mit „Exciter“ kehrten sie zu einem kompletten Album zurück. Angetrieben von drei super-souligen Singles („Dream On“, „I Feel Loved“ und „Free Love“) und neu befeuert für den Dancefloor durch Dave Clarke, Danny Tenaglia und Deep Dish, klang Depeche Mode selten so entrückt wie auf dem smoothen Tech-House-Remix „Tough Guy“ von „Dream On“, produziert von Mattheu „Bushwacka“, Resident-DJ im damals besten Underground-Club Londons. Ende. Dieser Remix ist aus zwei Gründen wichtig: Erstens bewies er, dass Depeche Mode durchaus in der Lage waren, schmerzlich-bluesige Balladen zu schreiben, und zweitens zeigte er, dass sie auch im neuen Jahrzehnt noch am Puls der elektronischen Musikszene blieben. Bushwacka verriet später, dass sein Remix einem kürzlich verstorbenen Freund gewidmet war; die Tatsache, dass der Song ohnehin schon wie ein geisterhaftes Gebet klingt, verstärkt diese Eindringlichkeit nur noch.
Rückblickend betrachtet: Das 2005 erschienene Album „Playing the Angel“ – produziert von Ben Hillier – setzte vor allem auf atemberaubende Gitarrenriffs. Nach der ruhigen Rückkehr-Single „Precious“ (remixed von Sasha, Motor und Kompakt Records-Chef Michael Mayer) durfte der englische Starproduzent Stuart Price endlich seine Helden Depeche Mode remixen, die mit dem rauen „A Pain That I’m Used to“ einen Hit landeten. Und obwohl er sich deutlich stärker mit Popmusik als mit Disco/Techno-Fan François K beschäftigt, lieferte Jacques Lu Cont (Price's Remix „Maniker du Jour“) einen mitreißenden Club-Mix von „Pain“ ab. Dieser gehört zu seinen besten Arbeiten für Madonna und die Scissor Sisters. Und während „Pain“ den Weg wies, gab es auch Licht am Ende des Tunnels. M83s zurückhaltender, aber meisterhafter Mix von „Suffer Well“ brachte die Band näher an die psychedelische Musik von Loozy heran als je zuvor. Der französische Musiker Anthony Gonzalez fügte dem Mix sogar verträumte Falsett-Gesangspassagen hinzu und brachte so neue, bisher ungenutzte Facetten ins Spiel. Es sollte nicht lange dauern, bis sie alle zurückkehrten.
Depeche Mode sind musikalisch immer am Puls der Zeit. Ihre vielseitige Klangpalette wurde für das Remix-Projekt rund um „The Best Of“ genutzt. Wie sie bald feststellen sollten, gab es mit dem chilenischen DJ Ricardo Villalobos auf Ibiza im Sommer 2006 beim Genre-Definierenden "Tthe Sinner in Me“ (Ricardo Villalobos' Conclave Mix) noch mehr Interpretationsmöglichkeiten in ihren Songs, als sie sich selbst manchmal zutrauen. Ein sublimes, perkussives Remix vom renommiertesten Techno-DJ Berlins. Für manche war es sogar der Moment, in dem sie die Band zum ersten Mal hörten. Kein Wunder also, dass Berlin – Heimat so vieler wegweisender Konzerte der 80er Jahre – sowohl für die Band als auch für ihre deutschen Kollegen eine solche Inspirationsquelle darstellte. Noch düsterer geht es für Oliver Huntemann aus Hannover: Sein schmerzlich-echoreicher Techno-Mix von „Everything Counts“ nimmt Martins skurrilen Blick auf den Thatcherismus der 80er und verortet ihn in einem dunklen Berliner Nachtgang. In Zusammenarbeit mit Stephan Bodzin entstand so ein weiterer Klassiker.
Wie schon bei „The Best Of“ wurden auch für die aktuelle Version zahlreiche brandneue Remixe in Auftrag gegeben. Diese sind aus zwei Gründen wichtig: Erstens, weil Depeche-Mode-Fans die leidenschaftlichsten Anhänger sind, die sich eine Band nur wünschen kann, und zweitens, weil das Gerücht, die ehemaligen Mitglieder Alan Wilder und Vince Clarke seien beteiligt gewesen, sich anfühlt wie die Wiedervereinigung einer Familie mit einem lange verschollenen Geschwisterkind. Dass sowohl Alan als auch Vince Songs ausgewählt haben, die ihnen so viel bedeuten („In Chains“, der Opener der Show „Sounds of the Universe“ und des Albums, und „Behind the Wheel“, immer noch eines der prägendsten Statements von Martin), verstärkt die aufkeimende musikalische Dramatik. Alans Interpretation von „In Chains“ ist eine nachdenkliche Sammlung verzerrter Industrial-Synthesizer, die Martins Gitarrenlinien ausblendet, und ehe man sich versieht, befindet man sich wieder im düsteren Melodrama von „Songs of Faith and Devotion“ – eine wahrlich beeindruckende Reise. Darauf folgt Vince Clarkes Version von „Behind the Wheel“, die beweist, dass der ehemalige Songwriter der Band immer noch ein Gespür für den richtigen Ton hat. Mit einer Reihe kaskadenartiger Riffs, die in einem brillanten Crescendo gipfeln, ist Clarkes Produktion ein gekonntes Techno-Update und eine fantastische Hommage an seine ehemalige Bandmates. Genauso eindringlich in seiner Ausführung und dem erschreckenden Thema ist le weekends Remix des '...universe'-Outtakes 'Ghost' (Beispieltext: 'i'm the ghost in your house, calling your name') ein selten gehörter Song, der in der Originalversion an klassisches Kraftwerk erinnert und sich in eine schimmernde, von B-Lines getriebene House-Hymne mit einem atemberaubenden Höhepunkt verwandelt.
Doch nicht nur die alten Hasen der elektronischen Musikszene sind in den neuen Mixen vertreten. Der schwedische House-Meister Eric Prydz hat immer wieder bewiesen, dass er Underground-Sounds gekonnt mit kommerziellem Erfolg verbinden kann. Seine Main-Room-Remixe von „Personal Jesus“ und „Never Let Me Down Again“ werden dafür sorgen, dass diese Songs in der House-Szene genauso präsent bleiben wie Timo Maas' Mix von „Enjoy the Silence“ vor über sechs Jahren. Auch einige Produzenten geben ihr Debüt. Der Newcomer Alex Metric hat mit seinem Mix von „Personal Jesus“ Einflüsse seines Alter Egos und seines House-Kollegen Steve Angello geschaffen. Das norwegische Duo Stargate (bekannt für Beyoncés „Irreplaceable“ und Rihannas „Rude Boy“) liefert mit seinem eisigen Pop-Remake von „Personal Jesus“ eine Version ab, die an Madonna und Lady Gaga erinnert und garantiert für Verwirrung unter jungen Leuten sorgen wird. Natürlich kann „jemand, der dein Gebet ist, jemand, der da ist“ im Jahr 2011 alles Mögliche bedeuten, und nur eine dieser Bedeutungen ist religiös. Karlsson und Winnberg von der Band Miike Snow geben ebenfalls ihr Debüt bei Depeche Mode. Ihre spacigen Synthie-Klänge passen perfekt zu energiegeladenen Songs wie „Toral Toral Tora!“ und „When the Body Speaks“. Röyksopps melodienreicher Remix von „Puppets“ erinnert daran, dass auch die anderen Bandmitglieder gelegentlich mit skurrilen Ideen für Begeisterung sorgen können.
Wie wir bereits eingangs erwähnten, wecken Depeche Mode bei jedem von uns unterschiedliche Erinnerungen. Würde man „Personal Jesus“ oder „Everything Counts“ in einer Zeitkapsel in die ferne Zukunft schicken, wären sie mit ziemlicher Sicherheit dort genauso präsent und würden die Menschen genauso verwirren wie hier in den letzten zwanzig Jahren. Viele der Songs auf diesem Album sind dazu bestimmt, uns alle zu überdauern. In welcher Form sie sich dann manifestieren, lässt sich jedoch nicht vorhersagen.
Ralph Moore
(stx)


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