"Let Me Take You On A Trip..." - auf den Spuren unserer Depeche Mode Pilgerkarte (Teil 3: Berlin)
Berlin. Die aus dem Dornröschenschlaf hinter der Mauer erwachte Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. In den 80ern Sehnsuchtsort für so ziemlich alle subversiv tickenden Künstler dieser Zeit, aufbauend auf ein Image aus den den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, als man der Stadt den Beinamen Babylon gab. Schon damals war sie ein nimmermüder Schmelztiegel verschiedenster Kulturen der Welt.
Den größtmöglichen Kontrast erlebte die Stadt in den 30er und 40er Jahren. Hauptstadt eines vermeintlich tausendjährigen Reichs, basierend auf Gewalt, Unterdrückung und Krieg. Erst mit den Hippies, den Hausbesetzern, den APO-Protesten und billigen Amphetaminen konnte sich die Stadt wieder öffnen und wurde im Kosmos liberal-progressiver Menschen zum neuen Metropolis. Ein Tempel voller Kunst, Avantgarde und alternativen Lebensentwürfen.
Alle kamen sie einst in die eingemauerte Stadt, um die einzigartig bedrückende wie freie Athmosphäre in ihre Kunst einfließen zu lassen. Bowie, Pop, Art. Voll mit Drogen und frei von Sperrstunden. Fluchtpunkt für artsy Rocker aller Art und alternative Westler ohne Bundeswehrambitionen. Alles akribisch mit der Authentizität von Zeitzeugen nachzulesen bei Alfred Döblin, Herrn Lehmann oder Christiane F.
Berlin hatte damals fast alles. Die ZDF-Hitparade und die Internationale Funkausstellung, Tempelhof und die Westberlinförderung, Currywurst und Dönerspieß, Schultheiss und Kindl, Harald Juhnke und Mark Reeder, das SO36 und Rolf Eden. Die Drei-Mächte-Stadt-West war eine Insel der vergessenen Glückseligen, das winzige Loch im eisernen Vorhang. Außen herum Diktatur, Schießbefehl und Mauerschatten, innen allerhand Kultur von allerlei Kulturen. Nur die Sehnsucht nach Freiheit und Individualität teilten sie mit der anderen Seite der Mauer. Wir wagen eine vage Erinnerung!
In den über 45 Jahren Bandgeschichte steht Berlin kontinuierlich im Fokus Depeche Modes. Nach ihrem allerersten Auftritt in der Mauerstadt am 26. März 1982, folgen drei extrem wichtige Alben und dazwischen eine bedeutende stand-alone Single, für die sich der SFB sogar ein spezielles Video einfallen lässt. Gestützt auf eine stabile, von Beginn an sehr aktive und den Barrieren der Weltmächte trotzende Fankultur.
Berlin war damals günstig, zentral und äusserst attraktiv für aufstrebende Megastars am Anfang ihrer Zwanziger und am Beginn einer Weltkarriere. Daniel Miller packte damals nicht nur unsere Jungs in den Flieger, sondern die ganze Truppe frischgebackener Musikanten seines Labels "Mute Records" gleich dazu. Fad Gadget, Nick Cave, die Birthday Party, damit auch sämtliche Inkarnationen der Bad Seeds, Wire, Nitzer Ebb. Alle nahmen sie ihre Alben bis Mitte der 80er Jahre in Berlin auf. Im Niemandsland hinter der Mauer, unweit des Potsdamer Platzes, im beinah einzigen nach dem Krieg noch stehenden Haus an der Köthener Straße. Im legendären "Hansa Studio".
Im Rückblick waren wir recht erstaunt, was es damals auf dieser kurzen Strecke allein an Plattenläden gab. Wir versorgten uns reichlich mit dem schwarzen Gold und mussten feststellen, dass es den Tauentzien hinauf zum berühmten City-Music immer günstiger wurde.
Es gab an diesem Tag "Enjoy The Silence" in blau, gelb und schwarz, und erst zu Hause stellte ich fest, dass schon irgendjemand besonders Böswilliges rotzfrech das kleine Booklet aus meiner limitierten "A Question Of Lust"-Maxi herausgeklaut hatte. Lasst euch ja keine Platten von damals andrehen, von denen man behauptet, sie wären original verschweißt!
Depeche Mode Live
Spuren von Depeche Mode verfolgten wir damals leider noch nicht, obwohl wir mit besagter "Linie 1" direkt am "Metropol" vorbei und über einige Spots aus dem Video zu "Everything Counts" hinweg fuhren. Auch auf die Idee, einfach mal zum Hansa-Studio zu pilgern, sind wir damals nicht gekommen.
An die "Werner Seelenbinder Halle" erinnere ich mich nur, weil wir 1988 mit der S-Bahn vorbeidüsten, als wir mit der Schulklasse in der Jugendherberge etwas außerhalb von Berlin nächtigten. Ein paar Wochen vorher wären wir da drin schon ganz gern mit all den anderen depechehungrigen Flitzpiepen zerquetscht worden. So winkten wir nur sehnsuchtsvoll beim Vorbeifahren.
Das "Metropol" bespielten Depeche Mode am 26. März 1982 als 25. Station ihrer "See You Tour". Es war ihr allererstes Konzert in der Mauerstadt, und sie kamen bereits am 3. Dezember 1982 wieder. Schon ab der "Construction Tour" wechselten sie in die immens größere "Deutschlandhalle", wo sie bis zur "World Violation" blieben. An der Stelle der Halle mit der einst weltweit größten Spannbetondecke steht mittlerweile der "City Cube Berlin".
Ihre elf legendären Open Airs, die Depeche Mode seit 1986 in der wunderschönen "Waldbühne" spielten, waren jedes Mal restlos ausverkauft. Besonders, als Dave 1993 komplett durchnässt, barfuß und schier dem Tode nah schrie "If I die tonight, remember me this way", oder 2018, als er das vermeintlich vorzeitige Ende der Band verkündete, mit seinem unerwartet herzergreifenden Kniefall und der geänderten Abschiedsformel "We'll see you all some other time".
Um nicht immer sengender Hitze oder sintflutartigem Regen ausgesetzt zu sein, traf man sich auch schon mal bei ordentlich Schneechaos im "Velodrom", dieser UFO-artigen Radsporthalle die den Platzhalter der abgerissenen Seelenbinderhalle an der Landsberger Allee gibt, oder in der relativ charmebefreiten Mehrzweckhalle mit den ständig wechselnden Namen am Ostbahnhof.
Wenn man medial richtig dick auftragen wollte, ging man ins hübsch aufgemotze Olympiastadion. Groß, gigantisch, oft mit dramaturgisch wertvollem Gewitter untermalt, und immer mit den zweitmeisten Besuchern jeder Tour. Nur ein dröger Acker in der City von Leipzig zieht weltweit noch mehr Leute an.
Am gemütlichsten war in all diesen Jahren das Konzert im betagten Funkhaus an der Nalepastraße. Frühere DT64-Hörer werden mit der Adresse noch etwas anzufangen wissen. Reichlich 1000 Besucher erschienen zum ersten, in 360° televisionierten Konzert der Welt und es herrschte eine Promidichte, wie sonst nur beim Grand Prix von Monaco.
Neben den paar Jahren, die Martin hier lebte, verirrte er sich live leider noch nie ohne seine Bandkumpels nach Berlin. Dafür bespielt unser Dave mutig und solo auch schon mal die kleineren Venues der Hauptstadt.
Mit seinen "Paper Monsters" kämpfte er in der Columbiahalle und der Arena Treptow. Den Soul rettete er im Tempodrom am Anhalter Bahnhof und im pandemiebedingt nur halbvollen Saal des mondänen Admiralspalastes.
Aber war das schon alles, was Depeche Mode mit Berlin verbindet?
Jüngster Besuch der Herren ohne ihre Instrumente, war die minimalistischste aller je gegebenen Pressekonferenzen zum Album "Memento Mori" am 4. Oktober 2022 im Berliner Ensemble. Das Event im "Theater am Schiffbauerdamm" wurde als bombastischer Sturm angekündigt, verendete jedoch mit dem Charme eines netten Fahrstuhl-Smalltalks als äußerst maues Lüftchen.
Allein mit den Brechtschen Geist dieses Hauses hätte man problemlos den inhaltlichen Faden von "Spirit" weiterspinnen können, aber Barbara Charone, ehemalige Musikjournalistin und Vorständin des "Chelsea FC", war in dieser Runde eher als gute Freundin von Andy angetreten. Niemand erfuhr so, was er eigentlich wissen wollte, und nach nicht mal 20 Minuten war der Spuk wieder vorbei.
"Spirits In The Forest"
Mit den Protagonisten von "Spirits In The Forest" reisen wir 2019 um die ganze Welt. Wir sehen Medellin, Ulan-Bataar, Los Angeles, Perpignan und Bukarest. In Berlin erleben wir Superfan Daniel bei seinem alltäglichen Kampf um Anerkennung seiner sexuellen Identität. In unserer bunten und weltoffenen Hauptstadt fällt ihm dies erheblich leichter als bei seinen konservativen Eltern in seiner brasilianischen Heimat.
Im Film beobachten wir ihn beim Joggen unter dem Mauerpark und in der Skalitzer Straße. Beide Plätze sind innerhalb Berlins so weit voneinenander entfernt, dass es sich nicht um seine originäre Joggingstrecke handeln dürfte.
Unter anderem folgt Daniel der uns bereits bekannten "Linie 1" an der Skalitzer Straße und passiert die "Mirror Lounge". Diesen Spot haben wir in bewährter Manier persönlich ausgecheckt und sind die Strecke für euch natürlich gleich probegelaufen, wie ihr seht.
Etwas bequemer macht es uns Daniel mit dem Ort, wo er seine Freunde trifft. Die auffällige Wanddekoration konnten wir der Lokation "Das Hotel Bar" zuordnen. Aktuell findet ihr sie als "Das Hotel Radio" ganz in der Nähe des alten Tempelhofer Flughafens.
Eine besondere Bedeutung bekommt der Tunnel unter dem Mauerpark. Der "Gleimtunnel" war bis zur Wende komplett zugemauert und nicht passierbar. Jetzt im Film, joggt Daniel einfach hindurch, von Ost nach West.
Damit erhebt sich diese simple Röhre zu einer filmischen Metapher für die Befreiung von überkommenen Genderpolicies, und gleichzeitig für unsere Befreiung vom Unrechtsstaat unserer Kindheit.
Anton beschreibt so ganz subtil den Stellenwert von Depeche Mode in der DDR und welches Gewicht diese Band, ihre Fans und ihr Konzert im Osten für den Mauerfall hatten. Wir wissen nur nicht, ob er das wirklich so beabsichtigt hatte.
Das auf der "Global Spirit Tour" auf der Bühne gezeigte Video zu "Walking In My Shoes" präsentiert uns ein weiteres Berlin-Highlight. Zwischen allerlei Kosmetiktüchern, Schminke, High-Heels und Kreuzberg, stoppt MIKEY.Woodbridge (so die eigene Schreibweise), vor dem Auftritt mit der Gitarre in der "Bar Tausend" noch kurz bei "Klötze & Schinken" in der Bürknerstraße. Vielleicht auf einen Kaffee, vielleicht auch auf eine "leckere hausgemachte Linsensuppe für 4,50 €", wie uns das Schild im Video verheißen möchte.
"Delta Machine"
Nur wenige Jährchen früher, genossen wir den obligatorischen Tourmitschnitt der "Delta Machine Tour" ebenfalls aus Berlin. Die damalige "O2-Arena" stand im Jahre 2013 Kulisse für Antons filmische Ambitionen in nicht mehr ganz zeitgemäßer Standard Definition und der Vermarktung der Tour für ein einmalig-exklusives Kinoevent und danach dauerhaft fürs heimische Surroundkino.
Garniert wurde "Alive in Berlin" mit Interviewschnipseln von Andy aus dem "Waldorf-Astoria"-Hotel mit einem wundervollen Blick auf die "Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche", filmisch umrahmt von Szenen der Schauspielerin Johanna Wokalek ("Die Päpstin"/"Polizeiruf 110, München") auf den Straßen und Plätzen Berlins.
Lustigerweise spaziert sie ziemlich genau bei Martins einstigem Wohnsitz an der Heerstraße herum, und gleich zu Beginn misst sie sich mit dem berühmten Berliner Fernsehturm. Dramaturgisch bildet dieser filmische Rahmen damit die logische Fortsetzung der Tourprojektion zum Song "Halo".
Geframed vom roten Warndreieck, folgen wir der stark beplüschten Frau Wokalek an den Neptunbrunnen, die Gedenkstätte Berliner Mauer, das Haus der Kulturen der Welt, den Platz der Republik direkt vorm Reichstag, und einen nicht näher identifizierbaren Berliner See.
Als wäre dies noch nicht genug Berlin, gab es schon vor dem späteren Konzertmitschnitt im Sommer 2013 das offizielle Video zu "Should Be Higher" aus dem Olympiastadion zu bewundern. Beeindruckend, was Anton und die famosen Feuerspucker von "Berlin Flames" da in den Havelstudios für die Tourprojektion auf die Beine gestellt haben.
Das damalige Konzertereignis, bei dem deutlich zu sehen war, wie Anton mit seinen Kameras auf der Bühne agierte, wurde umrahmt von einer wirklich sehenswerten Fanausstellung mit Objekten aus der umfangreichen Privatsammlung von Dennis Burmeister im ehemaligen Kaufhaus Jandorf an der Brunnenstraße.
Mit einem dicken Eeasteregg beschenkten sie uns zu guter Letzt im Bonusteil der "Alive In Berlin"-Veröffentlichung. Martin und Peter schmettern im einstigen Berliner Nobelbordell "Salon Bel Ami" zwei exklusive Pianoversionen zu "Judas" und "Condemnation", bei denen sich die uns bereits bekannte Schauspielerin wieder puschelig auf dem Chaiselongue räkelt.
"Ultra"
Bis auf die regulären Konzerte jeder Tour, war mit Depeche Mode auch eine Zeit lang Ebbe in Berlin. In den Jahren von 1988 bis 2012 verirrten sich die Herren gerade mal zu ein paar dösigen Echo-Verleihungen in die Hauptstadt.
Besonderes Highlight dieser Jahre bleibt eine pompös aufgeplusterte, öffentliche Überreichung einer "Goldenen Schallplatte" fürs Jahrhunderwerk "Ultra" im August 1997 durch die RTL Media Group.
Birgit Schrowange turtelte mit den Jungs damals auf der Bühne unter dem Funkturm, was wir euch schon früher als einen unserer allerersten Beiträge für unseren Blog aufbereitet hatten.
Hierhin machten wir uns an diesem sonnigen Sonntagnachmittag auf den Weg, als wir in einer kurzen Randnotiz in Schwiegermutters "Super Illu" davon gelesen hatten. Glücklicherweise hatte ich durch mein damaliges Hobby ziemlich oft meine Spiegelreflex parat. Die Negative hüte ich seither tief in meinem Archiv, denn viel näher bin ich ihnen seither auch nicht mehr gekommen.
Genau zehn Jahre früher, Ende August 1987, beglückten sie uns mit zwei stattlichen Playbackauftritten an einunddemselben Tag in ARD und ZDF. Da wir aus den bekannten Gründen nicht dabei sein durften, saßen wir zu Hause in der ersten Reihe. Die Herren mussten an diesem Tag so sehr ackern, dass sie nicht mal auf Anhieb ihre richtige Mikroposition fanden. Es war das letzte Mal, dass sie mit einer Gesangseinlage auf der Funkausstellung zu Gast waren.
"Stripped"
Im Jahr zuvor passierte in Berlin dass, was uns seither wohl am meisten mit der Band verbindet. Die Jungs zerdeppern genussvoll alte Ostautos, projizieren ihre Portraits auf Leinwände, die sie auf die hölzernen Aussichtsplattformen hochschleppen, um sie kackfrech den Ostgrenzern vor die Nase zu halten, und unsere Teenagerherzen verschmelzen in Anbetracht der Coolness dieser Typen zu einer Liebe fürs Leben. In der Wüstenei um die Hansa-Studios entsteht 1986 das Video zu "Stripped".
Düster, dystopisch, und ein gar seltsamer Text. Man erkennt deutlich den Martin-Gropius-Bau. Die Szenen mit Dave im Grünen entstanden angeblich gleich dahinter, auf den Ruinen des Prinz Albrecht Palais. Die exakte Stelle ist heutzutage leider nicht mehr identifizierbar.
Auf dem Gelände steht jetzt die wichtige Ausstellung zur "Topografie des Terrors", und in den 70er und frühen 80er Jahren befand sich dort ein Übungsparcour für Führerscheinlose. Man kann also nur grob spekulieren, wo Dave die Eröffnungssequenz trällert.
Die schlagkräftigen Autoszenen schreibt man mit großer Wahrscheinlichkeit der Alten Geschützgießerei in Spandau zu, und das Gebäude ganz am Schluss ist heute Teil der modernen japanischen Botschaft im Tiergarten. Da kommt man leider auch nicht mehr so ohne weiteres hin, um ein Foto zu machen.
Zwischendurch stapften die Herren immer mal zu einigen Fotosessions durch die Stadt, Mauer, Reichstag, Brandenburger Tor. Am liebsten blieben sie aber zu Hause, wodurch dann das bekannteste Foto aus dieser Zeit enstand, das berühmte, ikonenhafte Bild auf der Treppe der Hansa-Studios. Wir kennen es zuvorderst als "stehende" Version von der Rückseite der "A Question Of Lust"-Single. Vor Ort wird es gern von dem einen oder anderen Fan in der "liegenden" Version nachgestellt.
Solltet ihr mal die Gelegenheit haben, eine von Thilos "Berlin Music Tours" zu besuchen, lasst es euch nicht entgehen, und stellt euch um Himmels Willen nicht so verkrampft an, wie wir!
Genächtigt haben die noblen Herren damals im "Hotel Interconti", so die Legende. Die von uns persönlich überprüfte, ikonische Konstruktion des Eingangsbereiches verrät uns aber, dass das stimmt.
"Shake The Disease"
Im September 1985 war erneut Funkausstellung, und die Jungs beglückten uns mit einem puffärmeligen Auftritt zu "It's Called A Heart", anmoderiert von der unverwüstlichen, schmunzelhasigen Allzweckwaffe des westdeutschen Unterhaltungsfernsehens, Michael Schanze.
Etwas früher im Jahr, am 28. Mai 1985 fand im Künstlerhaus Bethanien der SFB-Jugendabend statt, moderiert von Matthias Hanselmann und Dieter Thomas. Einer "mittendrin", der andere "voll daneben". So hieß dann auch die Sendung.
Der besondere Clou: Die Allstar-Showband des Abends nannte sich "030" (wie die Vorwahl von Berlin-West), und wurde extra für die Sendung zusammengecastet. Sie bestand aus 18 Musikern, darunter u.a. George Kranz ("Din Daa Daa") und Die Ärzte.
Die Depeche-Jungs waren an diesem Abend als virtuelles Zugpferd dabei. Depeche Modes superexklusiver Film zu "Shake The Disease" wurde später weltweit als "Boat Video" bekannt. Daneben spielten Anne Haigis, Ulla Meinecke, sowie Inga und Annette Humpe als Liveacts.
Das Bootsvideo entlang des Landwehrkanals ist für depechig-pilgersüchtige Berlinbesucher bis heute eine Offenbarung. Alle Plätze sind noch auffindbar, problemlos begehbar, und man kann sie nun auch von allen Seiten besuchen, ohne Schaden zu nehmen. Man sollte dies trotzdem besser gleich mit einer Bootstour tun. Um alle Plätze zu erreichen, muss man sogar zwei Touren buchen.
Deutlich im Video zu erkennen, sind die Görlitzer Brücke am gleichnamigen Park, und die AWG-Häuser an der Lohmühlenstraße hinter der Mauer auf DDR-Seite.
Depeche Mode waren durch die Show "Mittendrin und voll daneben" komplett in die Berliner Szene assimiliert, oder das originale Video von Peter Care war dem deutschen Fernsehpublikum einfach zu dystopisch und schwer zumutbar.
Im Verlauf des Bootsvideos schippern wir noch am deutlich zu erkennenden U-Bahnhof Hallesches Tor und an der Admiralbrücke vorbei.
Für die beiden Humpe-Schwestern hatten Martin und Daniel im Jahr zuvor ein paar Keyboardspuren aufgenommen. Die Damen revanchierten sich daraufhin mit dem Backgroundgesang für "Master and Servant", der am Ende leider nie veröffentlich wurde. Schade, denn auf der verfügbaren Demo klingt das richtig gut.
Zum Ende hin passieren wir das bekannte Postbank-Hochaus an der Möckernbrücke, und unsere Tour beenden wir im Becken II des Berliner Westhafens genau vor den markanten Speichergebäuden.
Nicht ganz so weit durch Berlin, reisten sie für die bekannteste Autogrammkarte des Jahres 1985 aus der "PopRocky". Deutlich zu erkennen ist, dass die Fotos mit dem stark erblondeten Dave gleich hinter dem Hansa-Studio, auf der Baustelle des Nachbarhauses entstanden.
Neben dem trinkfesten und partyerprobten Pressemann der Band Walter Färber, erblicken wir hinter dem blauen Bauwagen das auffällige graue Gebäude mit dem Postenturm der DDR-Grenzer auf dem Dach. Das markante Haus steht an der heutigen Streesemannstraße und darin befindet sich aktuell das Bundesumweltministerium.
"Master And Servant"
Zu "Master And Sevant" existiert die Legende, dass die Presslufthammeraufnahmen in den Ruinen des damaligen Lehrter Bahnhofs gemacht worden wären. Heute steht da leider der neue Hauptbahnhof von Berlin oben drauf, so dass uns das Pilgern an diese Stätte mehr oder weniger noch nicht gelungen ist.
Dafür gibt es im Video reichlich Verweise auf andere westdeutsche Städte. Wir blicken hinein in den Kölner Dom, auf den "Langen Eugen" und in den Bonner Bundestag mit dem alten Plenarsaal, der 1987 abgerissen wurde. Depeche Mode hatten hier anscheinend schon die spätere Hauptstadtdiskussion vorweggenommen.
Zünftig begossen haben sie das Ganze in einem Hotel in Charlottenburg, wo sehr wahrscheinlich auch die Innenaufnahmen mit der netten Dame, den rasselnden Ketten und Daves Gefuchtel mit dem Tuch entstanden. Das heutige "Schlosshotel im Grunewald" hieß damals noch nach seinem Besitzer "Schloss Gerhus".
Da sie 1984 auch den Peak ihrer Teeniemagazin-Heroisierung erlebten, gab es in dieser Zeit weitere zahlreiche Fotosessions in und um die Hansa-Studios. So seht ihr hier eure liebsten Depeche-Detectives beim Depeche-Mode-Locations-Scouting an der Ecke Köthener Straße/Streesemannstraße mit Blick hinunter zum Europahaus in Richtung Anhalter Bahnhof.
"Everything Counts"
Immer, wenn die Jugendpresse anrief, taumelten sie schlaftrunken durch die Mondlandschaften am Rande einer nimmermüden Stadt. Zum Aufwärmen schlenderten sie locker ums menschenleere Areal um Hansa herum, bis hinauf zum Gebäude des heutigen Bundesumweltministeriums, was wir bereits mehrfach kennenlernen durften. Damals ein schwer bewachter Grenzposten mit direktem Fernglasblick in den Hansa-Mischraum. Wenn sie zurückkehrten, nahmen sie dort hinauf meist erschöpft den Fahrstuhl. Das Haus hinter der schrottigen Fiat-Karrosse kennen wir bereits als Arden Campus. Es war früher das Gildehaus der Berliner Papier- und Druckindustrie.
Im Spätsommer 1983 hüpften unsere angehenden Megastars zum allerersten Mal über die Internationale Funkausstellung. Dabei entstand ein erst vor wenigen Jahren publik gewordener Mitschnitt von RTL und der blutjungen Moderatorin Biggi Lechtermann.
RTL sendete damals noch gar nicht offiziell, sondern machte lediglich Werbung für seinen Sendestart ab Januar 1984. Dabei hatten sie wohl nicht bedacht, das Anfang 1984 schon wieder die nächste Sau durchs Dorf getrieben würde, und sowohl "Love, In Itself" als auch "Everything Counts" dann eigentlich schon zum alten Eisen gehören sollten.
Eine taggleiche Fotosession führte unsere Helden nur kurz über die Straße vors Internationale Kongresszentrum ICC und der damals dort stehenden Statue, die im Volksmund "Ecbatane" genannt wurde, und deren Füße man in fast jedem Bild sieht. Sie wurde benannt nach Alexander dem Großen, der einst im persischen Ecbatana seine Söldner freistellte. Letztes Jahr bei "M" war es Gilgamesch, der aus dieser Ecke der Welt kam. Geschichte wiederholt sich also sogar bei Depeche Mode.
Diese Session schaffte es tatsächlich bis in die Jugendbibel BRAVO. Allerdings nicht wegen der modernen, hitparadentauglichen Musik der Jungs, sondern ausschließlich wegen dem schlagzeilenheischenden Ausschlachten von Daves "sensationeller Tattooentfernung" auf seinem linken Unterarm.
Eher wenig Aufhebens machten Depeche Mode in ihren Anfangsjahren um ihre Videos. So konnte "Everything Counts" still und heimlich zu einem waschechten Zeitdokument der Westberliner Jahre werden. Man filmte einfach die Straße und was einem noch so vor die Linse kam.
Unsere passende Pilgertour starten wir im einstigen Café Kranzler an der Ecke Joachimsthaler Straße/ Kurfürstendamm und fahren danach an mehreren markanten Punkten entlang der Gitschiner Straße.
Das nur kurz zu sehende, moderne Gestell mit den vier Blechplatten, ist die Wind und Wetter trotzende Skulptur "Vier Vierecke im Geviert" von George Rickey. Sie steht genau vor der Neuen Nationalgalerie, und kurz danach drehen wir eine Runde um den Ernst-Reuther-Platz.
Diese Legende war für uns Anlass genug, dem Ding mal gewaltig auf den Grund zu gehen.
Das Video und damit der erfolgreiche Pilgertag, klingt am Ende gemütlich am Getränkestand der Balustrade des Strandbads Wannsee aus.
The Big Hall By The Wall
Dreh und Angelpunkt war damals immer das Hansa. Etliche Fotosessions wurden in und um das Studio an der Köthener Straße abgehalten. Davor, wie drumherum. An der Mauer entlang der Niederkirchnertraße, an den Ruinen an der Streesemannstraße, mit unverstelltem Blick zum Europahaus. Dazu an der Kreuzung mit dem heutigen Umweltministerium, auf diversen Aussichtsplatformen und touristischen Hinweistafeln, auf dem damals noch unbebauten Potsdamer Platz. Alles fußläufig vom Studio aus in wenigen Minuten erreichbar.
Und da das alles noch nicht reicht, gab es 1984 noch eine weitere denkwürdige Session auf den Treppen der Neue Nationalgalerie und vor dem rostig anmutenden Würfel, dem "Berlin Block (for Charlie Chaplin)" von Richard Serra. Steht alles noch genauso da, wie damals!
Waren sie mal nicht im Interconti, hausten sie in anderen 5-Sterne-Butzen der jungen Hauptstadt, wie dem neu errichteten "Waldorf-Astoria", wo wir glatt schon mehrere Stunden vor der Tür auf die Jungs gewartet haben, oder dem "Hotel De Rome" am Bebelplatz.
Der britische Starfotograf John Stoddart fotografierte sie 1986 vorm Brandenburger Tor und auf den Stufen des Reichstagsgebäudes.
Auf dem freien Platz vorm Hansa, mit Blick hinüber zur Berliner Philharmonie, befand sich bis zum Bau der legendären Magnetbahn eine Art Freilufttheater oder Zirkusmanege. Besonders gut zu erkennen ist auf der rechten Seite unseres Pilgerfotos das altehrwürdige, aber damals sehr einsame Weinhaus Huth. Hinter dem Studio fanden sie damals einen wilden Schrottplatz und man erkennt auf der linken Seite deutlich das Lagerhaus des heutigen Arden Campus. Beide Gebäude existieren tatsächlich immer noch und es gelang, diese in die moderne Stadtbebauung zu integrieren.
Abends hockten sie der Legende nach immer im "Dschungel" an der Nürnberger Straße in einer dunklen Ecke und trauten sich angeblich nicht mal, zu tanzen, geschweige denn Mädchen anzusprechen.
Außer Martin, der angelte sich Christina F. und sie zogen zusammen in die Heerstraße, genau ins Haus gegenüber von Inge Meysel und direkt auf die Klatschseiten der BRAVO. Mit Christian Haase und seiner Depeche Mode Bustour kommt man natürlich gut gelaunt daran vorbei und erfährt unter anderem diese Anekdote.
Unser Lieblings-"Tonmeister" Gareth Jones lebte damals, als Depeche Mode und die ganzen anderen Mute-Helden ihre Platten bei Hansa aufnahmen, auch in Berlin. Daniel Miller tut es wohl immer noch, sofern man einer Instagramstory von Gareth vor ein paar Jahren Glauben schenken darf. Damals rehearsten sie bei Daniel in Berlin für die Auftritte ihres gemeinsamen Projektes "Sunroof".
Anscheinend waren die 80er-Jahre in West-Berlin wirklich ein kreativ-avantgardistischer Topf, der versteckt hinter der Mauer vor sich hin köcheln konnte. Wer mehr über die unbeschwerten, kreativen Jahre vor dem Mauerfall wissen möchte, der sollte sich Filme wie "B-Movie", "Der Himmel über Berlin" oder ein paar anständige Mauerdokus ansehen.
Natürlich gibt es noch das eine oder andere Bild, von dem wir denken, dass es auch in Berlin aufgenommen worden sein muss.
So wird beispielsweise das bekannte Black-Celebration-Poster mit Dave neben der Jukebox gern dem Restaurant "Falstaff" zugeschrieben. Es befand sich im Erdgeschoss des Hansastudios, und Andy soll dort immer sein "Toast Hawaii" geschnappelt haben. Aktuell nennt sich das Etablissment "Osteria Caruso", und sieht halt innendrin komplett anders aus.
Genauso wird der mutmaßlich ins Gästebuch kritzelnde Martin dem Ku'damm-nahen Nobelitaliener "Bacco" angedichtet. Der einstige Cavaliere schloss sein Etablissement bereits 2016, und unter der Adresse findet man derzeit das indische Restaurant "Anappurna".
Mangels konkreter Anhaltspunkte können wir beides leider nicht genauer verifizieren und verlassen uns hier ledigich aufs Hörensagen. Genausogut könnten beide Bilder in jeder anderen Berliner Kiezkneipe aufgenommen worden sein.
Für unseren Teil sollten wir jetzt soweit alles erwischt haben, wo die Jungs einst ihre Füße hinsetzten.
Ein Rätsel, was uns immer noch umtreibt, werden wir ganz sicher noch lösen. Die Bilder konnten wir bisher leider noch keiner konkreten U-Bahn-Station zuordnen. Ich glaube aber, mit den ikonischen Deckenleuchten sind wir schon auf einer ganz heißen Spur.
Als kleinen Extrabonus, haben wir für euch noch ein altes Mauerbild herausgesucht, auf dem ein junger aufstrebender Schriftkünstler aus Westberlin massiv Werbung für unsere Jungs macht.
Die Hinterlandmauer verläuft hier entlang der Bernauer Straße, die links im Bild zur Eberswalder Straße wird. Die abgehenden Straßen sind die Oderberger Straße (links) und die Schwedter Straße (rechts).
Die "richtige" Mauer biegt hier in Richtung heutiger Max-Schmeling-Halle ab und passiert kurz danach den Tunnel im Gleimviertel, durch den Daniel bei "Spirits In The Forest" joggt, siehe oben.
Zum Glück ist dieses unsägliche Bauwerk mittlerweile auf Nimmerwiedersehen verschwunden. An der ungefähren Stelle des einstigen Mauer-Aussichtsturms, von dem dieses Foto gemacht wurde, steht heute die Bar "Mauersegler".
Wenn ihr mal zu den ganzen Depeche-Mode-Pilgerstätten pilgern möchtet, führen wir euch gern herum. Nehmt uns also gern mit, wenn ihr mal wieder in die Hauptstadt fahrt!
Berlin ist eigentlich immer eine Reise wert...
(stx)
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Dieser Beitrag ist vollständig KI-frei entstanden, bis auf das Titelbild!
Bilder: ChatGPT, M. Steinbach, Wikipedia, A.Corbijn, D.Vorndran, Berlin Flames Facebookpage, Screenshots, Spiegel, Jenaer Fotoclub, Franz Xaver Süss, rockmagazine.net, BRAVO, Derek Ridgers, John Stoddart, Gareth Jones, Clive Richardson, Google Maps, et al
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