"You Hear Stories Of Old...", Teil 4 - Ist "Depeche Ambros" wirklich Christian Eigners heimliches Alter Ego?
Als Martin Gore diesen Joke jedoch 1987 zündete, stand er noch vollkommen unter dem Eindruck der Allmachtsfantasien eines Buches namens "Mein Kampf", was er kurz zuvor gelesen hatte. Die darin beschriebene Wirkung verschiedener Rhetoriken auf "Massen" faszinierte einst nicht nur einen geisteskranken, österreichischen Landschaftsmaler, sie sind seit je her Basis einer allzugroßen Verführbarkeit von Menschen. Martins musikalische Reaktion darauf war das Lied "Pimpf", sowie der lange vor dem Album gebastelte Auslaufrillengimmick der "Strangelove"-Maxi, eingraviert als "Music For The Masses - Volume 1".
Aus dieser morbiden Faszination für die "Massen" entspann sich eine der wohl ikonischsten aller Depeche-Mode-Kampagnen. Depeche Mode entrollten ihre bis dahin coolste Marketingschau, vom Plattencover der ersten Single bis hin zum Bühnenbild ihrer Liveshows. Alles im Stile totalitärer Piktogrammästhetik, und sie zogen es konsequent bis zum letzten Ton durch. Oft kopiert, nie erreicht und immer noch ikonisch genug, um ein paar österreichische Musiker auch 25 Jahre später damit noch anzuspornen.
Sie sangen vom Skifahren, von weißen Pferden am Strand, von einem Mädchen, was am Schulhof auch mal enge Jeans angehabt hat und man schon 20 Jahre nicht gesehen hätte. Man lernte allerlei neuen Austroslang, wie man ihn noch nicht mal in einem alten Hans Moser Film aufschnappen konnte. So was wie "leiwand", oder was überhaupt ein "Macho Macho" ist. Mit dem Herzen lauschten wir diesen Hits wie ein Bergwerk und lernten, dass "Life" eben "live" ist, "Na naa na na na..."
So begab es sich, dass sich die große Faszination für die "Massen" Martin Gores einst auch vier junge Österreicher teilten. Sie waren genau wie wir, Kinder der 80er. Sie mochten genau wie wir viele Austropop-Songs, denen sie nicht nur regional noch viel viel näher waren. Sie mochten die Kompositionen, fanden deren damaligen Sound aber oft altmodisch. Wie würden ihre geliebten Austropop-Klassiker wohl klingen, wenn sie Mitte der 1980er in England produziert worden wären?
Keiner der frisch gebackenen Austrorocker wollte die superperfekte Produktion eines Falco antasten. Das Augenmerk lag auf popmusikalischem Hitpotenzial nicht ganz so perfekter, überwiegend akustischer Songs aus dem Land zwischen Neusiedler See und Großglockner. Das daraus geborene Album "Musik Für Die Massen" erschien 2014 und verleiht den österreichischen Klassikern eine nostalgische Frische. Selbst lang nicht gehörte austrophile Hitparadenstürmer sind einem sofort wieder im Ohr.
Das Kernquartett von Depeche Ambros bestand aus Musikern verschiedenster musikalischer Sozialisation. Clemens Haipl ist der Bekannteste der vier. Er wurde als Kabarettist, Autor und Radiomoderator bekannt und war u. a. Teil des Satireprojekts Projekt X sowie verschiedener Musik- und Bühnenproduktionen. Bei Depeche Ambros war er laut eigener Aussage vor allem für den Synthesizer- und Produktionsaspekt zuständig.
Peter Zirbs war lange Musikjournalist und Musiker. Er fungierte bei Depeche Ambros als Sänger und Hauptsprecher des Projekts in Interviews. Beabsichtigt oder nicht, in den Videos wirkt er oft wie ein Dave Wyndorf Lookalike.
Die Idee zu "Musik für die Massen" schwelte schon einige Jahre. "Es lebe der Zentralfriedhof" war bereits 2010 bei YouTube zu finden, und überzeugte genau wie sein Schwesterhit "Ein Freund ging nach Amerika" mit der etwas raueren, und damit sympathischeren Produktion.
Die Band selbst beschrieb es bei YouTube damals so: "Im Frühjahr 2010 konnte man kaum glauben, was man da hörte: Der Ambros Klassiker "Da Hofa" tönte im coolen Synthpop-Electrosound aus Radios allerorts. Urheber des aussergewöhnlichen Klangerlebnisses: DEPECHE AMBROS. Depeche... wie bitte? Was ist das für ein Name, wer ist das? Der Name ist Programm - nämlich das gesamte Austropop Oeuvre im Synthpopglanz der 80er neu erstrahlen zu lassen. Hauptverdächtige sind namentlich Clemens Haipl (programming), Peter Pansky (guit, voc) und Peter Zirbs (voc). Etliche Livegigs später (reif für die Donauinsel, aber auch wieder ham Richtung Fürstenfeld) kommt jetzt auf Grund der großen Nachfrage Nachschlag, und der gleich als Doppelsingle: Der Zentralfriedhof liefert den dunklen Gothic Soundtrack zum Herbst. Das Video dazu wurde dogmatisch auschliesslich mit 2 Iphones auf Originalschauplätzen gefilmt."
Die meisten Nummern sind eher im Stile von Depeche Mode produziert als direkte 1:1-Adaptionen bestimmter Songs. Bei einigen Songs fühlt man sich sofort an Depeche Mode erinnert, andere wiederum blitzen nur mit kurzen Samples auf, der Rest bedient sich im Regal alter 80er Jahre Synthis.
So beginnt "Musik Für Die Massen" mit dem seit Jahrzehnten unkaputtbaren Austro-Überhit des Jahres 1984. Dem im Original von der Band STS stammenden "Fürstenfeld" hört man die Nähe zu "Never Let Me Down Again" deutlich an.
Mit Sampleschnipseln aus "Blasphemous Rumours" und "A Question Of Time" geht es weiter zum "Schifoan". Im Original vom Namensgebenden Wolfgang Ambros, der auf dieser Platte auch am meisten hofiert und zitiert wird.
Das zweitgrößte Pferd im Austromusikstadl war danals Georg Danzer. Dessen "Jö Schau" nimmt hier ganz starke Anleihen bei "People Are People".
Schwerer einem konkreten Depeche Mode Song zuzuordnen, ist der Klassiker "I Bin A Weh" der Worried Men Skiffle Group aus dem Jahre 1975. Der fluffigen Instrumentierung könnte man mit etwas gutem Willen eine Nuance Nähe zu "Enjoy The Silence" unterstellen.
Mit Wolfgang Ambros und deutlichen Auszügen aus "Big Muff" und "Tora! Tora! Tora!" geht es weiter mit "Zwickts mi", im Original ebenfalls aus 1975.
Extrem deutliche Beatmasters-Anleihen, egal ob von "Behind The Wheel" oder "Route 66", trägt "Der Durscht" von Ulli Bäer.
Beim Cover des 1979er Hits "Highdelbeeren" von Wilfried bedient man sich deutlich bei "Photographic". Hier leider auch wieder ohne Bildmaterial.
Etwas weiter aus dem Depeche Mode Rahmen heraus, fällt danach der 80er Überhit "Life is Live" der Band Opus. Hier wird sich deutlich Inspiration bei Soft Cell und ihrer Version von "Tainted Love" geholt. In einem frühen Video ist diese Version schon mal als "Tainted Life" bezeichnet worden.
Musyl & Joseppa vertonten im Jahre 1973 ein Gedicht aus der Zeit der Auswandererwelle, Ende des 19. Jahrhunderts. "Ein Freund ging nach Amerika" wird hier mit "World In My Eyes" und einem klitzekleinen Bisschen "Blasphemous Rumours" bestückt. Der frühere Mix, der lange vor dem Album aufgeommen wurde, fällt etwas rauer und gefälliger aus, als die geglättete Albumversion.
Zu guter Letzt wird noch Wolfgang Ambros Über-Überhit durch den Depeche-Wolf gedreht. "Es lebe der Zentralfriedhof" besticht mit Anleihen und Zitaten aus "Black Celebration" und "Hells Bells".
Zu guter Letzt findet man in den Tiefen des Internets noch ein Medleyvideo und ein Interview mit dem österreichischen Rockradio 88.6
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