"You Hear Stories Of Old...", Teil 4 - Ist "Depeche Ambros" wirklich Christian Eigners heimliche Tarnidentität?

Mittlerweile redet er sich immer auf den Klassik-Sampler "Music For The Millions" raus, den er einst in einem Plattenladen gesehen hätte, als vermeintliche Initialzündung.

Als Martin Gore diesen Joke 1987 zündete, stand er jedoch noch vollkommen unter dem Eindruck der Allmachtsfantasien eines Buches namens "Mein Kampf", was er kurz zuvor gelesen hatte. Die darin beschriebene Wirkung verschiedener Rhetoriken auf "Massen" faszinierte einst nicht nur einen geisteskranken "Führer", sie sind seit je her Basis einer allzugroßen Verführbarkeit von Menschen. Martins musikalische Reaktion darauf war das Lied "Pimpf", sowie der lange vor dem Album gebastelte Auslaufrillengimmick der "Strangelove"-Maxi, eingraviert als "Music For The Masses - Volume 1".

Aus dieser morbiden Faszination für die "Massen" entspann sich eine der wohl ikonischsten aller Depeche-Mode-Kampagnen. Depeche Mode entrollten ihre bis dahin coolste Marketingschau, vom Plattencover der ersten Single bis hin zum Bühnenbild ihrer Liveshows. Alles im Stile totalitärer Piktogrammästhetik, und sie zogen es konsequent bis zum letzten Ton durch. Oft kopiert, nie erreicht und doch ikonisch genug, um ein paar österreichische Musiker auch 25 Jahre später damit noch anzuspornen. 
 

Als "Music For The Masses" 1987 erschien, waren wir noch jung genug, um nebenher mit offenen Ohren auch den nicht ganz so coolen audiophilen Verlockungen zu lauschen. Damals regierten in den Hitparaden, neben 80er-Jahre-Diskogehupfe und amerikanischem AOR, auch mundartliche Hits. Neben Nicki, Haindling oder dem Original Naabtal Duo, meist von Liedermachern aus der nahen Alpenrepublik. Diesen Sound konnte natürlich auch eine Mauer nicht aufhalten.

Sie sangen vom Skifahren, von weißen Pferden am Strand, von einem Mädchen, was am Schulhof auch mal enge Jeans angehabt hat und was man schon 20 Jahre nicht gesehen hätte. Man lernte allerlei neue Slangausdrücke, die man so noch nicht mal in einem alten Hans Moser Film aufschnappen konnte. So was wie "leiwand", oder was überhaupt ein "Macho Macho" ist. Wir hörten alles mit einem Herzen wie ein Bergwerk und 
lernten, dass "Life" eben "live" ist, "Na naa na na na..."



Die große Faszination für die "Massen" Martin Gores, teilten einst vier junge Österreicher. Dieser Gedanke war die Geburtsstunde der Band Depeche Ambros
 
Die Mitglieder der Band waren genau wie wir, Kinder der 80er. Sie mochten genau wie wir viele Austropop-Songs, denen sie noch viel viel näher waren, als wir. Sie mochten die Kompositionen, fanden deren damaligen Sound aber oft altmodisch. 
 
Wie würden unsere geliebten Austropop-Klassiker klingen, wenn sie Mitte der 1980er in England produziert worden wären? Mitglied Peter Zirbs beschrieb das Projekt sogar als eine Art Aufarbeitung ihrer Kindheit. Mit Depeche Ambros wollten sie diese Lieder so klingen lassen, wie sie sie selbst gerne gehört hätten. 


Keiner der Protagonisten wollte die superperfekten Produktionen eines Falco antasten. Das Augenmerk lag auf popmusikalischem Hitpotenzial nicht ganz so perfekt produzierter, überwiegend akustischer Songs aus dem Land zwischen Neusiedler See und Großglockner. Das daraus geborene Album "Musik Für Die Massen" erschien 2014 und verleiht den österreichischen Klassikern eine nostalgische Frische. Selbst lang nicht gehörte austrophile Hitparadenstürmer sind einem sofort wieder im Ohr. 

Das Kernquartett von Depeche Ambros bestand aus Musikern verschiedenster musikalischer Sozialisation. Clemens Haipl ist der Bekannteste der vier. Er wurde als Kabarettist, Autor und Radiomoderator bekannt und war u. a. Teil des Satireprojekts Projekt X sowie verschiedener Musik- und Bühnenproduktionen. Bei Depeche Ambros war er laut eigener Aussage vor allem für den Synthesizer- und Produktionsaspekt zuständig.

Peter Zirbs war lange Musikjournalist und Musiker. Er fungierte bei Depeche Ambros als Sänger und Hauptsprecher des Projekts in Interviews. Beabsichtigt oder nicht, in den Videos wirkt er oft wie ein Dave Wyndorf Lookalike. 
 
Zu Peter Pansky und Harald Fahrngruber finden sich in den verfügbaren Quellen deutlich weniger öffentliche Biografien. Sie werden regelmäßig als Bandmitglieder genannt, detaillierte Bandhistorien sind aber kaum dokumentiert. 
  

Die Idee zu "Musik für die Massen" schwelte schon einige Jahre. "Es lebe der Zentralfriedhof" war bereits 2010 bei YouTube zu finden, und überzeugte genau wie sein Schwesterhit "Ein Freund ging nach Amerika" mit der etwas raueren, und damit sympathischeren Produktion.

Die Band selbst beschrieb es bei YouTube damals so: "Im Frühjahr 2010 konnte man kaum glauben, was man da hörte: Der Ambros Klassiker "Da Hofa" tönte im coolen Synthpop-Electrosound aus Radios allerorts. Urheber des aussergewöhnlichen Klangerlebnisses: DEPECHE AMBROS. Depeche... wie bitte? Was ist das für ein Name, wer ist das? Der Name ist Programm - nämlich das gesamte Austropop Oeuvre im Synthpopglanz der 80er neu erstrahlen zu lassen. Hauptverdächtige sind namentlich Clemens Haipl (programming), Peter Pansky (guit, voc) und Peter Zirbs (voc). Etliche Livegigs später (reif für die Donauinsel, aber auch wieder ham Richtung Fürstenfeld) kommt jetzt auf Grund der großen Nachfrage Nachschlag, und der gleich als Doppelsingle: Der Zentralfriedhof liefert den dunklen Gothic Soundtrack zum Herbst. Das Video dazu wurde dogmatisch auschliesslich mit 2 Iphones auf Originalschauplätzen gefilmt."

Die meisten Nummern sind eher im Stile von Depeche Mode produziert als direkte 1:1-Adaptionen bestimmter Songs. Bei einigen Songs fühlt man sich sofort an Depeche Mode erinnert, andere wiederum blitzen nur mit kurzen Samples auf, der Rest bedient sich im Regal alter 80er Jahre Synthis. 
 
  
So beginnt "Musik Für Die Massen" mit dem unkaputtbaren Austro-Überhit des Jahres 1984. Dem im Original von der Band STS stammenden "Fürstenfeld" hört man die Nähe zu "Never Let Me Down Again" deutlich an. 
 

Mit Sampleschnipseln aus "Blasphemous Rumours" und "A Question Of Time" geht es weiter zum "Schifoan". Im Original vom Namensgebenden Wolfgang Ambros, der auf dieser Platte auch am meisten hofiert und zitiert wird.

Das zweitgrößte Pferd im Austromusikstadl war danals Georg Danzer. Dessen "Jö Schau" nimmt hier ganz starke Anleihen bei "People Are People".

Schwerer zu einem konkreten Depeche Mode Song zuzuordnen, ist der Klassiker "I Bin A Weh" der Worried Men Skiffle Group aus dem Jahre 1975. Der fluffigen Instrumentierung könnte man mit gutem Willen eine Nuance Nähe zu "Enjoy The Silence" unterstellen.
 

Mit Wolfgang Ambros und deutlichen Auszügen aus "Big Muff" und "Tora! Tora! Tora!" geht es weiter mit "Zwickts mi", im Original ebenfalls aus 1975.  
 
Deutlichstes und naheliegendstes Zitat in das Getucker aus "Stripped" zur Untermalung des KGB-Hits "Motorboot". Was haben wir das Original geliebt! KGB war die Abkürzung von Kurt Gober Band.  
 
"Da Hofa", im Original ebenfalls von Ambros, kommt auf den Sounds von "World Full Of Nothing" dahergeschwommen. 
 

Extrem deutliche Beatmasters-Anleihen, sowohl bei "Behind The Wheel", als auch "Route 66" trägt "Der Durscht" von Ulli Bäer. 
 
 
"People Are People" scheint eine beliebte Quelle der Inspiration gewesen zu sein. So hören wir es erneut bei "Tagwache" von Wolfgang Ambros. Erschienen im Jahre 1973, war es wegen seiner textlichen Kritik am Bundesheer damals im Radio verboten.
 

Beim Cover des 1979er Hits "Highdelbeeren" von Wilfried bedient man sich deutlich bei "Photographic".

Etwas mehr aus dem Depeche Mode Rahmen heraus, fällt danach der 80er Überhit "Life is Live" der Band Opus. Hier wird sich deutlich Inspiration bei Soft Cell und ihrer Version von "Tainted Love" geholt. In einem frühen Video ist diese Version schon mal als "Tainted Life" bezeichnet worden. 

Musyl & Joseppa vertonten im Jahre 1973 ein Gedicht aus der Zeit der Auswandererwelle, Ende des 19. Jahrhunderts. "Ein Freund ging nach Amerika" wird hier mit "World In My Eyes" und einem klitzekleinen Bisschen "Blasphemous Rumours" bestückt. Der frühere Mix, der lange vor dem Album aufgeommen wurde, fällt etwas rauer und gefälliger aus, als die geglättete Albumversion. 
 

Zu guter Letzt wird noch Wolfgang Ambros Über-Überhit durch den Depeche-Wolf gedreht. "Es lebe der Zentralfriedhof" besticht mit Anleihen und Zitaten aus "Black Celebration" und "Hells Bells"
 
 
Bei Livekonzerten mixten sie noch allerhand andere Austrohits mit Depeche-Sounds, wie beispielsweise "Es lebe der Sport" von Rainhard Fendrich, aus dem wirklich beinahe eine 1:1-Kopie von "Just Can't Get Enough" wird. 
 

Zu guter Letzt findet man in den Tiefen des Internets noch ein Medleyvideo und ein Interview mit dem österreichischen Rockradio 88.6 
 

 


Reichlich 20 Jahre nach "Music For The Masses" griffen also ein paar Alpenrocker für ihr musikalisches Experiment tief in die Retrokiste und fanden just allerlei wiedererkennenswertes Depeche Mode Zeugs inklusive Sound und Optik. Dazu nehme man ein reichliches Dutzend unkaputtbarer Austroklassiker und peppt diese mit Elektrosounds großer englischer Bandnamen auf. Neben allerlei poppigen Synthisounds werden immer mal bekannte Depeche-Samples eingestreut, die man natürlich sofort heraushört. Unser einstiger "Tausendsassa" Alan hätte das zwar etwas subtiler, am Ende aber auch nicht besser hinbekommen.  
 
Typisch österreischisches Undertstament, versucht man sich an keinem heutzutage üblichen Coversong, um mit aller Gewalt in die Charts zu kommen. Hier reichen alte Hits, Sampler und Wiedererkennung. Als "Musik Für Die Massen" erschien, waren wir alle schon über 40 und deshalb cool genug, uns unserer einstigen, im Dialekt gesungenen Lieblingslieder zu besinnen und ihnen frisch vorurteilsfrei zu begegnen.  
 
Sie zitieren ästhetisch sowohl Plattencover mitsamt dem einprägsam-sarkastischen Titel "Musik Für die Massen", als auch einen prominenten Bandnamen. Depeche Ambros. Zwei musikalische Ikonen, von nun an unzertrennlich verbunden. So hat nicht nur mehr unser Christian Eigner durch seine Geschichte mit Ostbahn-Kurti ein Faible für Austropop und Alpenrap.
 
Wortgewandtes Liedermacherschmäh ohne volkstümlich muffig zu klingen. Poetisch gewaltig und manchmal etwas wehmütig und sentimental. Wer mal abends in Klagenfurt vor einer süffigen Kneipe gesessen hat, versteht vielleicht ein wenig von der anhaltend einnehmenden Faszination dieser alpenländischen Klassiker. 
 
Übrig bleibt viel mehr ein Alpenpop‑Tribute, als ein depechelastiges Synth‑Pop‑Crossover. 
Depeche Ambros waren nie als Parodie gedacht. 
 
What you hear is what you get...
(stx)
 
Fotos/Videos: Discogs/YouTube/Heute

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